Buchbesprechung
Buchbesprechung von Rainer von Scharpen (AIJP)
Stefan Petriuk: Die Posttätigkeit im besetzten Polen im Ersten Weltkrieg. Generalgouvernement Warschau. Polnische Gebiete im südlichen Postgebiet Oberbefehlshaber Ost. Polnische Posttätigkeit während des Ersten Weltkriegs. Posttätigkeit im K.u.k. Militär Generalgouvernement Lublin (allgemein)

Turbulente Zeit in Polen

Der Titel ist lang und mag sperrig klingen – die Verhältnisse im besetzten Polen während des Ersten Weltkriegs waren nicht weniger vertrackt. Stefan Petriuk, internationaler offizieller Verbandsprüfer für Polen (AIEP und PZF), hat bereits unzählige Fachartikel auf Polnisch und Deutsch zu unterschiedlichsten Aspekten dieser turbulenten Zeit veröffentlicht. Nach über zwanzig Jahren Vorbereitung bündelt und ergänzt er die einzelnen Beiträge nun zu einer in diesem Umfang bisher nicht gekannten Gesamtschau. Unterstützt wird er durch Zuarbeit von Mitgliedern der ArGe Polen, seiner Nichte Izabela Wawrzyniak-Kurowska, Einbindung der Sammlung und des Archivs von Wolf-Detlef Röttger und der Vorarbeit im Stempelhandbuch Generalgouvernement Warschau von Gerhard Dreher. Anspruch auf Vollständigkeit will der Autor dennoch nicht erheben, denn „einige Details können und müssen noch entdeckt und erforscht werden“.

Als Einführung zum besseren Verständnis der Vorgänge im Ersten Weltkrieg zeichnet Petriuk zunächst in groben Zügen die wechselvolle Geschichte Polens ab Anfang des 17. Jahrhunderts und die Entwicklung des Postdienstes bis 1915 nach. Russland, Preußen und Österreich, die drei Nachbarn Polens, die 1795 das ehemalige Königreich Polen endgültig unter sich aufgeteilt und von der Landkarte hatten verschwinden lassen, entwickelten in den einverleibten Gebieten jeweils ihr eigenes Postwesen mit unterschiedlichen Strukturen, Vorschriften, Tarifen und Währungen. Grundlegende Gebietsveränderungen mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Post ergaben sich dann durch den Weltkrieg und führten zum Aufbau der Feldpost.

Während Petriuk die österreichisch-ungarischen Etappenpostämter im Generalgouvernement Warschau und im k.u.k. GG Lublin nur allgemein behandelt, gilt sein besonderes Augenmerk „der Tätigkeit der einzelnen deutschen Postämter“. Dazu zitiert er ab Mai 1915 Tag um Tag alle relevanten Passagen aus dem Verordnungsblatt der Kaiserlichen Deutschen Zivilverwaltung für Polen links der Weichsel und jenem für das GG Warschau. Hier finden sich neben Angaben zur Behandlung von Sendungen und zu Gebühren u.a. auch Daten zur Eröffnung bzw. Schließung, Namensänderung und Zuständigkeit von Posteinrichtungen.

Das Hauptkapitel der beiden Bände bildet auf über 650 Seiten die in alphabetischer Reihenfolge der Ortschaften angeordnete sehr ausführliche Vorstellung der „Zustell- bzw. Bestelldienste und Stadtpostämter im Generalgouvernement Warschau 1915–1918“, von A wie Alexandrowo bis Ż wie Żyrardów. (Leider gingen bei Drucklegung versehentlich die Kapitelüberschriften verloren. Die Auslassung wurde erst nach Fertigstellung der Auflage bemerkt. Das erschwert die Orientierung ein wenig, tut dem Inhalt aber keinen Abbruch.)

Bei der deutschen Post galt die Regelung, dass Sendungen nur ab und bis zum jeweiligen Postamt befördert wurden; d.h. sie mussten beim deutschen Postamt aufgeliefert werden und wurden, so vorhanden, gegen Gebühr von polnischen Stadtposten zugestellt. Auf dem Land übernahmen Posthilfsstellen und Gemeinde-Postzustelldienste diese Aufgabe; auch sie werden einzeln dokumentiert. – Ein weiteres Kapitel behandelt ebenso gründlich die deutschen Postämter im südlichen Postgebiet Oberbefehlshaber Ost. Gesonderte Abschnitte widmen sich ferner der Posttätigkeit in Wilna, den Polnischen Legionen, der Pfadfinderpost, der deutschen Postüberwachung und der Posttätigkeit im k.u.k. Militärgouvernement Lublin. Berücksichtigt werden in diesem Zusammenhang auch die besonderen Verhältnisse im Kloster Jasna Góra in Czenstochau.

Jeder aufgeführte Postort wird so vollständig wie nur erdenklich vorgestellt. Dazu gehören Angaben zur Lage, Einwohnerzahl, Konfession, öffentlichen Einrichtungen, zur militärischen Lage zu Kriegsbeginn und Daten zur Arbeit des Postamts. Hinzu kommen zahlreiche zeitgenössische Postkarten mit Gesamt- und detaillierten Straßenansichten. Abgebildet werden weiterhin die verwendeten Post-, gelegentlich auch Dienst- und Formationsstempel, ferner R-Zettel und auch Posteinlieferungsscheine. Der eigentliche Schatz jedoch ist die schier unbeschreibliche Fülle von mehr als 1100 Originalbelegen, davon rund 10 % Unikate, bei denen selbst kleinste Dörfer nicht fehlen. Die meisten stammen aus der inzwischen aufgelösten Sammlung des Autors. Selbstredend wird jedes Dokument eingehend beschrieben. – Breiten Raum nehmen zudem die Stadtpostmarken ein, die eingehend mit Varianten und Druckproben vorgestellt werden.

Durch ein großzügiges Layout kommen Belege, Fotos und Dokumente voll zur Geltung, so dass es auch für die Augen ein Genuss ist, in den Bänden zu blättern. Stefan Petriuk hat mit diesem Werk eine großartige Leistung vollbracht. 3,6 kg geballte Information! Die Ausgabe wird auf Jahre hinaus als Standardwerk dienen. – Die Auflage ist klein; Interessenten sollten schnell zugreifen!

PETRIUK, Stefan, Die Posttätigkeit im besetzten Polen im Ersten Weltkrieg. Generalgouvernement Warschau. Polnische Gebiete im südlichen Postgebiet Oberbefehlshaber Ost. Polnische Posttätigkeit während des Ersten Weltkriegs. Posttätigkeit im K.u.k. Militär Generalgouvernement Lublin (allgemein).

2 Bände, zus. 1007 Seiten, Format DIN A4, Abb. farbig, Hardcover mit Fadenbindung. Langballigholz / Uście 2027. Preis: 89 € + 8 € Versand im Inland. Bezug: Stefan Petriuk, Neue Straße 3, 24977 Langballigholz. E-Mail: Petriuk@t-online.de.