Die gleichzeitige Verwendung von deutschen und polnischen Briefmarken und Poststempel in den Jahren 1919 bis 1920 in Großpolen und Westpreußen

Vortrag von Stefan Petriuk auf der Mitgliederversammlung am 18.09.2004

Schon im Mai dieses Jahres (2004) während der Versammlung der BArGe Polen habe ich einen Vortrag über die Postzensur in Polen in den Jahren 1919 – 1920 berichtet und dabei bereits das o.g. Thema mehrfach angeschnitten. Heute möchte ich postalisch etwas genauer auf dieses Thema eingehen.
Vielerorts, ganz besonders in Deutschland, aber auch in Polen ist es heute noch völlig unbekannt, dass nach dem Ende des 1. Weltkrieges und der gleichzeitigen Neubildung des polnischen Staates, in Polen weiterhin deutsche Briefmarken und deutsche Postrequisiten verwendet wurden.
Nach dem Wiedererlangen der Unabhängigkeit durch Polen im November 1918, befanden sich Großpolen (Wielkopolska) und die Teile Westpreußens (geographisch gesehen: der sogenannte spätere „Korridor“), die später an Polen fielen, noch ganz normal in deutscher Hand.
Der Großpolnische Aufstand gegen die Deutschen brach am 27. Dezember 1918 in Posen aus und breitete sich binnen wenigen Tagen auf die gesamte Provinz Posen bzw. Großpolen aus.
Ausgeschlossen vom Aufstand blieb die Stadt Bromberg, sowie einige weitere Orte im Norden und Westen der Provinz. Teile von Pommern, die später an Polen fielen, mit den Orten wie Thorn (Torun), Graudenz (Grudziądz) und Dirschau (Tczew) wurden vom Aufstand überhaupt nicht erfasst und blieben weiterhin bei Deutschland.
Ohne viel auf die Einzelheiten über den Verlauf des Aufstandes einzugehen, aber zur besseren Verständigung möchte ich einige Daten bzw. Fakten nennen:
Am 8. Januar 1919 meldete der Oberste Polnische Volksrat an die Regierung in Berlin, dass die Verwaltung durch polnische Behörden übernommen wurde. Tatsächlich bestand das Personal weiterhin aus deutschen Beamten.
Dabei muss erwähnt werden, dass der Oberste Polnische Volksrat (polnisch: Naczelna Rada Ludowa = NKL) noch Anfang Januar 1919 weiterhin die Ansicht vertreten hat, dass dieses Gebiet sich weiterhin innerhalb des Preußischen Staates befand. So haben alle Postdirektoren, die Chefs der Eisenbahn und die Leiter alle anderen Behörden fast den ganzen Januar hindurch regelmäßig umfangreiche Situationsberichte von den ihnen unterstellten Stellen in der Stadt Posen an ihre Vorgesetztendienststellen nach Berlin gemeldet.
Nach der Übernahme der Verwaltung und der Auflösung der Arbeiter – und Soldatenräte in Großpolen vereinigte sich die polnische Regierung in Posen in den Händen des Kommissariats, der obersten Behörde des Obersten Polnischen Volksrates.
Das Kommissariat unterteilte sich in Sektionen und Dezernate. Und so begann am 9. Januar 1919 eine polnische Post in Großpolen mit ihrer Tätigkeit, die sich aber weiterhin völlig an das preußische Verwaltungssystem anlehnte.
Besonders erwähnenswert ist, dass Beziehungen des Kommissariats in Posen, der obersten Behörde des Obersten Polnischen Volksrates, mit Warschau zu dieser Zeit nicht zum Besten standen. Erst nachdem zwei Gesandte aus Posen auch an der Regierung in Warschau beteiligt wurden, änderte sich das ein wenig.
In der Anordnung, die im Amtsblatt Nr. 6 vom 31. März 1919 (DzUMPiT nr. 6) des Ministers für Post und Telegraphie in Warschau veröffentlicht wurde, steht folgendes geschrieben:
Auf den Gebieten welche ehemals preußisch besetzt waren gelten weiterhin die deutschen Verordnungen und auf Grund dessen muß man das Posengebiet unter postalischen und telegrafischen Gesichtspunkten als Ausland betrachten werden. Alle Postsendungen und Telegramme nach Polen müssen daher nach den geltenden deutschen Auslandstarifen frankiert sein.
Diese Anordnung ist unmissverständlich, behielt aber gerade einen Monat ihre Gültigkeit.
Ein Kuriosität am Rande. Die polnische Regierung in Warschau tat alles erdenklich mögliche, um die Deutschen nicht zu Provozieren und die Verhandlungen über Polen und somit über Großpolen und Teile von Westpreußen nicht zu stören.
Noch am 19. Januar 1919 fanden in Posen Wahlen zur Nationalversammlung in Weimar.
Es wurde weiterhin die frühere Grenze zwischen Preußen und Russland aufrechterhalten. In Wirklichkeit war das inzwischen die Grenze zwischen Großpolen und dem gerade unabhängig geworden polnischen Staat. Die Eisenbahnstrecke die von Posen über Ostrow nach Kalisch und weiter nach Warschau führte, wurden vor der Grenze nach Polen vor Kalisz die Reisepässe überprüft und Zollkontrollen durchgeführt.
Am 14. Februar 1919 wurde durch die Waffenstillstandskommission in Trier die Demarkationslinie zwischen dem Reichsgebiet und der ehemaligen Provinz Posen festgelegt.
Erst am 10. Januar 1920 trat der Versailler Vertrag in Kraft. Die deutschen Truppen mussen die ohne Abstimmung an Polen zugesprochenen Gebiete der Provinz Posen und Westpreußen räumen.
Postalisch gesehen ist von Bedeutung, dass bis zur 1. Ausgabe der Freimarken für Posen (MiNr. 130 – 134) Anfang August 1919 in Großpolen ausschließlich Marken des Deutschen Reiches verwendet wurden. Fast gleichzeitig traf in Posen eine Lieferung von Briefmarken aus Warschau mit der Ausgabe für Nordpolen ein. Daneben wurden weiterhin Reichspostmarken ohne einen Aufdruck weiter verwendet.
Nach meinen Feststellungen wurden in der Provinz Posen mit einigen wenigen Ausnahmen, noch etwa bis Ende Oktober 1919 Reichspostmarken ohne Aufdruck verwendet. Danach eben nur Germaniamarken mit Aufdruck und Marken, der Ausgabe für Nordpolen, die aus Warschau geliefert wurden.
Ganz anders verhielt sich die Situation in Bromberg und Umgebung sowie in dem nördlich davon gelegenen Westpreußen.
Bis zum Inkrafttreten der Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 wurden in Bromberg und in Westpreußen ausschließlich Reichspostmarken ohne Aufdruck verwendet.
Die erste Stadt, die nach Inkrafttreten des Versailler Vertrages an Polen übergeben wurde, war Bromberg. Am 20. Januar 1920 marschierten polnische Truppen in Bydgoszcz (Bromberg ) ein. Von diesem Tag an verwendete die dortige Post einen polnischen Poststempel BYDGOSZCZ. Ebenfalls ab diesen Tag treten die ersten Mischfrankaturen von deutschen und polnischen Briefmarken auf.
Die Übergabe von Westpreußen erfolgte, wie ich schon erwähnte, etappenweise.
Die Reichspost in Berlin hat an die Postämter in Westpreußen auch noch die neuen Reichspostmarken der Ausgabe „Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar“ geliefert. Bekanntlich kam die 30 Pfennig Marke aus dieser Ausgabe erst im Februar 1920 zur Ausgabe und trotzdem kommt auch diese Marke auf Belegen in diesen Gebieten vor.
Ganz besonders postintern, also auf Paketkarten und Postanweisungen kommen die interessantesten deutsch-polnischen Mischfrankaturen vor.
Praktisch und theoretisch sollte dieses bis zum 14 April 1920 möglich gewesen sein. Ab 15. April sollte das nicht mehr vorkommen. Wohlgemerkt galt das nur für die Briefmarken. Deutsche Tagestempel wurden noch lange zeit danach in diesen gebieten vielerorts weiterverwendet.

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Großpolnischer Aufstand – die Daten der Einnahme der einzelnen Orte sowie die Grenzen der Provinz Posen und die Grenzen der polnischen Front, die vorläufig auch die Demarkationslinie wurde.

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Die früheste mir bekannte deutsch- polnische Mischfrankatur.
Brief aus GRÄTZ (polnisch: Grodzisk Poznański) vom 28. August 1919.
Fernbrief laut Porto des Deutschen Reiches vom 1.Oktober 1918 bis 20 g = 15 Pfg., dazu Eilboten im Orts-Bestellbezirk 25 Pfg. = zusammen 40 Pfg.
Das rote „T. kann ich nicht identifizieren.

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25 - Germania-Marke mit einem polnischen POZNAŃ 3 (Hauptbahnhof) Tagesstempel.
Fernbrief der 2. Gewichtsstufe laut Porto vom 1.10.1918 = 25 Pfg.

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Ein äußerst interessanter Brief. Der Brief zeigt keine Mischfrankatur oder polnische Tages­stempel. Auf dem Brief sind Marken Einschreibzettel und Stempel noch in Deutsch gehalten.
Nur der Zensurstempel Doradzca poczty w Lwówku / Kontrol (Postberater in Lwówek bei Pniewy bzw. Neustadt bei Pinne) ist in polnisch. Der Zensurstempel ist nur auf diesem Brief bekannt.
Interessant ist der Beleg auch, weil bei der Ortsangabe schon der polnische Name Nowy Tomyśl steht und darunter die deutsche Bezeichnung Neutomischel ergänzt ist.
Auch der Ankunftsstempel zeigt noch die deutsche Bezeichnung Neutomischel.

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Gebühr „Frei lt. Anvers Nr. 21 Pr. Amtsgericht“ mit einem polnischen Tagesstempel von JNOWROCŁAW (deutsch: Hohensalza) vom 12. April 1919 und dem selten polnischen Zensurstempel „ J “, der nur in den Monaten Februar bis April 1919 verwendet wurde.
Interessant ist, dass hier JNOWROCLAW mit J geschrieben wurde – heute schreibt sich der Ort INOWROCLAW mit I

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Portogerechte Postkarte zu 15 Pfg. mit deutsch-polnischer Frankatur und einem polnischen Tagesstempel aus SREM, südlich von Poznan gelegen (deutsch: SCHRIMM) vom Oktober 1919.

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Postanweisung über 87 Mark, wofür 40 Pfg. als gebühr zu entrichten waren – eine polnische Marke zu 5 Pfg. noch auf der Rückseite. Die zweisprachige Postanweisung ist mit einem polnischen Tagesstempel BRUSY (deutsch: BRUSS) am 13. März 1920 gestempelt.
Neben dem polnischen Tagesstempel ist hier die Reichspostmarke zu 25 Pfg. der Ausgabe „Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar“ interessant. Diese Marke kommt in Mischfrankatur mit einer polnischen Marke sicherlich nicht häufig auf Bedarfspost vor.

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Postanweisung, die in Polnisch und deutsch abgefasst, über 217 Mark, wofür eine Gebühr zu 60 Pfg. entrichtet wurde. Die Marken sind mit einem polnische Tagesstempel WĄBRZEŹNO (deutsch: Briesen, Westpreußen) entwertet.
Auch hier ist die Mischfrankatur sehr interessant. Neben der 10 Pfg. Germania-Marke sehen wir eine Polen Nr. 125 (2 x) zu 25 Fenigów, der Ausgabe „Eröffnung des polnischen Parlaments. Die Postanweisung ist adressiert nach FRONAU, Kreis Briesen.

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Einschreibebrief mit polnischen Tagesstempel und einem noch nachverwendeten deutschen R-Zettel aus dem gleichen Ort: KONITZ 1 (Westpreußen).
Der Brief ist nach der Postgebühr der Reichspost vom 1. Oktober 1919 frankiert:
Brief bis 20 g = 20 Pfg., dazu die R-Gebühr 30 Pfg..
Die handgeschrieben „10“ könnte ein Hinweis auf Nachporto für Übergewicht sein. In diesem Fall würden 10 Pfg. fehlen und somit müssten mit Strafporto zusammen 20 Pfg. betragen.
Neben dem Stempel der Militärzensur in Bromberg sehen wir in Mischfrankatur neben der polnischen 5 Pfg. Marke, gleich 3 x die 15 Pfg. zur „Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar“

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Bedarfsbrief bis 20 g, mit deutschem Tagesstempel von FILEHNE vom 25.2.1920 (polnisch Wieleń) nach Mensik (bei Filehne), frankiert mit einer polnischen und einer deutschen Marke.

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Hier zeige ich eine Besonderheit. Eine Postkarte, gestempelt mit einem deutschen Tagesstempel in LESSEN (Westpreußen) am 8. April 1920 und adressiert nach Graudenz.
Der Postbeamte erkannte deutsche Frankatur wohl nicht mehr an. Daher musste der Absender noch laut der Reichspostgebühr für eine Inlandskarte, die noch bis einschließlich dem 14. April 1920 in diesen Gebiet gültig war, eine polnische 15 Pfg.- Marke aufkleben. Diese Karte und die Nachfolgende zeigen, was damals in diesen Gebieten alles möglich war.

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Eine ganz besondere Kuriosität. Postkarte, laut polnischen Auslandstarif für Postkarten vom 15. April 1920 = 40 Fen. (polnisch: Fenigów). Hier mit 5 Fen. überfrankiert.
Die Karte stammt aus FRAUSTADT (polnisch: WSCHOWA, in der Nähe von Lissa).
Es ist für uns Sammler schon sehr interessant, dass diese polnische Karte mit einem deutschen Tagesstempel vom 14. Juni 1920 entwertet wurde. Dass aber auch die deutsche Marke zu 30 Pfg. der Ausgabe „Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar“ nicht beanstandet wurde, ist schon bemerkenswert.