Die Zensur in Polen nach dem 1. Weltkrieg

Lokalen Zensurpost während des Posener Aufstandes.

Vortrag von Stefan Petriuk auf der Mitgliederversammlung am 15.05.2004
Teil 1: Feldpost mit Zensur
Teil 2: Zivile Postsendungen mit Zensur

Damit komme ich zum nächsten Zensurgebiet von Polen und zwar zu der lokalen Zensurpost während des Posener Aufstandes.

Die Karte zeigt die Demarkationslinie, die nach dem Waffenstillstand am 16. Februar 1919 nach den Deutsch-Polnischen politischen und militärischen Kampfmaßnahmen in der ehemaligen Provinz Posen, festgelegt wurde.

Jetzt einige Worte zum Historischen.

Der eigentliche Posener Aufstand begann einen Tag nach der Ankunft, des damals schon sehr bekannten Musiker Ignacy Paderewski auf dem Bahnhof in Posen, der kurze Zeit später zum ersten Ministerpräsident der 2. Republik berufen wurde. Einen Tag später und zwar am 27. Dezember 1918 brach der Aufstand in Posen aus, den die Polen das „Powstanie Wielkopolskie“ (Großpolnischer Aufstand) nennen. Der eigentliche Aufstand dauerte nur bis zum 16. Januar 1919. Praktisch aber kam es in weiten Teilen der ehemaligen Provinz Posen immer wieder zu Schießereien und Scharmützeln. Dieser Zustand dauerte an bis zur Übernahme des Gebietes durch reguläres polnisches Militär durch General Haller im Januar 1920.

In dieser Zeit vom Januar 1919 bis Januar 1920 fungierten in Posen und einer Reihe von Orten der ehemaligen Provinz Posen polnische Zensurstellen, die die Briefpost, Telegramme und das Telefonnetz überwachten.

Bedingt durch die verhältnismäßig kurze Dauer der Zensurtätigkeit, durch geringes Postaufkommen in kleinen Orten und durch philatelistische Nichtbeachtung in der Vergangenheit, sind Belege aus dieser Zeitperiode recht selten anzutreffen.

Ein Zensustempel, der bisher unbekannt war. Karte von der Spar- und Darlehnskasse in RITSCHWALDE mit dem entsprechendem deutschen Tagesstempel vom 12. Mai 1919 und einem polnischen lokalen Zensurstempel Cenzura Poczty w Ryczywola. Daneben ein deutscher Zensurstempel, wahrscheinlich von Schneidemühl, der heutige polnische Name lautet: Piła /Schneidemühl.

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Ein weiterer lokaler Zensustempel, der bisher unbekannt war. Karte mit einem deutschen Tagesstempel von KRIEWEN vom 29. April 1919 und einem polnischen Zensurstempel CENZURA POCZTY w KRZIWINU. Rechts davon der schon bekannte deutscher Zensurstempel wahrscheinlich von Schneidemühl.

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Ebenfalls eine Karte mit einem bisher unbekannten lokalen Zensurstempel. Deutscher Tagesstempel von WRESCHEN vom 12. Mai 1919 und einem polnischen Zensurstempel Cenzura wojskowa pow. Wrzesnicki (Militärzensur Kreis Wreschen).

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Brief mit einem deutschen Stempel JANOWITZ (Janowice) Bezirk Bromberg vom 1. Februar 1919 und einem Zensustempel Rewidowane mit Paraphe (überprüft).
Nur dieses Exemplar bekannt.

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Brief aus HOHENSALZA (polnisch Jnowrocław) vom 8. März 1919 mit dem polnischen Zensurstempel „ J “ . Dieser Zensustempel wurde nur in den beiden Monaten Februar und März 1919 abgewendet.

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Um die Sache abzurunden, zeige ich hier einen weiteren Zensurstempel auf einem Dienstbrief – jetzt aus INOWROCŁAW vom 26.4.1919 mit einem Zensustempel: Cenzura Inowrocław.
Inowrocław im Zensurstempel mit einem I und nicht J, weil bis 1904 dieser Ort sich mit I und nicht mit J geschrieben hatte.

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Beide Belege tragen den Posener Zensurstempel: „ Kontrolle der Postabteilung des Kommissariats des obersten Volksrats in Poznan “, der in der zeit Mai – Juli 1919 in Gebrauch war. Interessant ist in dem Zusammenhang der Vermerk „ Über Wien“ bzw. Zurück, Verkehr eingestellt“.

Bisher hatte ich zwei weitere Brief mit dem Vermerk über Warschau – Wien“ gesehen, obwohl alle drei Briefe nach dem sogenannten West-Deutschland adressiert waren. Was war passiert ?

Dies zeigt eine sehr interessante Verfügung der Reichspost aus der damaligen Zeit:
Berlin, 30. Mai 1919, Nr. 248.
Der gesamte Post und Telegraphenverkehr mit dem von den Polen besetzten preußischen Gebiet hat eingestellt werden müssen, weil auf der Strecke Kreuz – Posen, auf der allein der verkehr mit diesem Gebiet bisher aufrecht erhalten wurde, bei Miala (Bz. Bromberg) in dessen sich die Polen gesetzt haben, die Schienen aufgerissen und die Telegraphenleitungen zerstört worden sind. Postsendungen und Telegramme nach diesem Gebiet sind daher bis auf weiteres nicht anzunehmen, die unterwegs befindlichen Sendungen sind zurückzuschicken und an die Absender zurückzugeben.

Bereits am 1. August 1919 wurde folgendes veröffentlicht:
Berlin 1. August 1919
Nach dem von den Polen besetzten Teil der Provinz Posen können wieder gewöhnliche Briefsendungen jeder Art verschickt werden. Die Sendungen sind nach den (deutschen) Inlandsgebühren freizumachen. Sie sind über Kreuz-Posen zu leiten. Das alles galt natürlich für de Sendungen, die von Deutschland in die von Polen besetzte Provinz Posen gerichtet waren.

Hinzufügen möchte ich dass der Ort Kreuz damals sich außerhalb des Aufstandsgebietes befand und nach der Grenzfestlegung mit Polen ein deutscher Grenzort wurde. Der Ort Mila heißt heute Miały.

So, dagegen Sendungen aus Posen nach Deutschland wurden, wie man an dem Brief erkennen kann, nicht zurückgegeben, sondern über Warschau und Wien nach Deutschland befördert. Wie gesagt mir sind nur drei solche Briefe bisher bekannt geworden.

Der zweite Dienstbrief wurde vorerst zurück gehalten – im Süden nach Breslau soll eine kurze Zeit auch eine Unterbrechung gegeben haben – und dann offensichtlich doch weiterbefördert.

Somit komme ich zum nächsten Kapitel der Zensur in Polen nach dem 1. Weltkrieg.
Es handelt sich hierbei um die Zensur nach Inkrafttreten des Versailler Vertrages im Januar 1920.
Der größte Teil von Westpreußen und fast die gesamte Provinz Posen wurden durch den Versailler Vertrag dem neugegründeten Polen zugesprochen. Lediglich die westlichen und nordöstlichsten Teile von Westpreußen wurden verwaltungsmäßig Pommern und Ostpreußen angeschlossen – also an Preußen. Einige Kreise der Provinz Posen und Westpreußen wurden 1922 zur Provinz Grenzmark Posen – Westpreußen zusammengefasst. Die Übergabe der zugesprochenen Gebiete an Polen regelte das „Deutsch-Polnische Abkommen über die militärische Räumung der Abtretungsgebiete und die Übergabe der Zivilverwaltung “ vom 25. November 1919.  Nach Inkrafttreten des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 wurden die Gebiete Ende Januar 1920 Zonenweise an Polen übergeben. Für jeden Tag wurde eine Demarkationslinie zwischen den deutschen und polnischen Truppen festgelegt. In BROMBERG / BYDGOSZCZ marschierte die polnische Armee unter General Haller zum Beispiel am 20. Januar 1920 um 10 Uhr ein. In der Wojewodschaft Pomorze (Westpreußen) wurde in einer Reihe von Städten, ähnlich wie in der ehemaligen Provinz Posen ein Jahr vorher, die Postzensur eingeführt. Eine Zentrale Zensurstelle wurde in POZNAN(Posen) eingerichtet. Die Zensurstellen waren bis zum Frühjahr 1922 tätig.

Eine der wenig echt gebrauchten Postkarten der Ausgabe : Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar vom Juli 1919.  Die Karte ist portogerecht, laut Inlandsporto für das Deutschen Reich für Postkarten = 15 Pfennig. Hier in Mischfrankatur mit einer polnischen Marke und einem polnischen Tagesstempel von OKOLE vom 15. Februar 1920 sowie einem Zensurstempel von Militärzensur Bromberg.

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Hier ein äußerst interessanten Beleg. Laut Litera B, 3. Teil, Absatz 1, des deutsch-polnischen Räumungsvertrages vom 25. November 1919 war die Post der Überleitungskommission zensurfrei zu befördern. Es ist eine Portofreie Postsache vom 27. Februar 1920 aus Bydgoszcz mit einem Briefstempel der Überleitungsbehörde für Zölle und Steuern in Poznan.

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Karte mit polnischen Tagesstempel GRUDZIADZ (Graudenz) vom 22.8. 1920
mit Zensurstempel Grd. im Kreis und daneben die Zensornummer.

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Auslandsbrief mit einem weiterverwendeten deutschen Tagesstempel mit Segment oben aus OBERGRUPPE (KR. SCHWETZ) (poln. Gorna Grupa) vom 8. Mai 1920) sowie einem nur in wenigen Exemplaren bekannten Zensurstempel, der nur im Mai 1920 angewendet wurde: Ekspedycja Cenzury Torun = Zensurabfertigung Torun.
Das Porto für Auslandsporto lautete ab 15. 4.1929 = 1 Polnische Mark.

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