Buchbesprechung
Prof. Dr Julian Auleytner: Die Post in Großpolen 1919 – 1920, von Stefan Petriuk

Vor drei Jahren ist der erste Band des bekannten polnischen Philatelisten Prof. Julian Auleytner aus Warschau „Anfänge der Polnischen Post in Westpreußen 1920“ erschienen. Jetzt hat er ein weiteres Buch unter dem Titel „Die Post in Großpolen 1919 – 1920“ herausgegeben. Wer den Autor kennt, weiß,  dass dieser ein Perfektionist ist, was sowohl die Präsentation, als auch den Inhalt seines Werkes betrifft. Das neue Buch konzentriert sich auf die Posttätigkeit in Großpolen während des Großpolnischen Aufstandes und während der Vorbereitungszeit für die Übergabe an Polen nach dem Versailler Vertrag  1920. Über dieses Thema wurde mehrfach in der deutschen und auch in der polnischen Philatelie berichtet, aber weitgehend wurden nur der Zensurstempel oder die Germania-Aufdruckausgaben aus dem Jahr 1919 behandelt.

Die hier besprochene Arbeit stellt ein Wissenskompendium über die Post als solche  während der Übergangsphase auf dem Gebiet von Großpolen dar.  Diese beruht auf deutschen und polnischen Quellen. Die Fülle der in diesem zweiten Buch reichlich integrierten Karten, maschinengeschriebenen Dokumente, öffentlichen Bekanntmachungen sowie der polnischen und deutschen Zensurstempel aus der Zeit 1919 – 1920  erstaunt beinah den Leser. Die zahlreichen Farbfototafeln sprechen für sich. 

Das Werk setzt sich aus neun Abschnitten und zusätzlichen zweisprachigen Ergänzungen der damaligen Postorte zusammen, dazu kommen die Posttarife und Quellenangaben. 

In der Einführung in seine Arbeit beschreibt der Autor den historischen Hintergrund in Großpolen, erinnernd, dass die Anwesenheit Preußens in diesem Gebiet erst nach der 2. Teilung von Polen 1793 begonnen hat. In  diesem Teil wird auch an die Tätigkeit des Deutschen Ostmarkvereins erinnert, der als eine nationalistische Vereinigung  dem Zusammenleben der preußischen und polnischen Bürger untereinander zum Ende des 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jh. sehr entgegenwirkte.  Die politische Situation auf dem Gebiet von Großpolen nach dem 1. Weltkrieg hing auch zusammen mit der internationalen Suche nach einer Lösung für dieses Gebiet. Daher ist die Erwähnung des vom amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson vorgelegten „Wilson Planes“ sehr wichtig, der bereits im Januar 1918 die Neubildung eines unabhängigen polnischen Staates forderte und zwar auf den Territorien, die unzweifelhaft von polnischer Bevölkerung bewohnt wurden.

Die weiteren Teile des Buches stützen sich auf das Kalendarium der Geschehnisse in Großpolen. Ausgangspunkt für die Darstellung der Posttätigkeit in dieser Zeit ist die Beschreibung des Großpolnischen Aufstandes mit all seinen deutsch-polnischen bewaffneten Auseinandersetzungen. Den Beschreibungen der Auseinandersetzungen stellt der Autor gleichzeitig eine große Anzahl lokaler Bedarfsbelege mit polnischen Aufständischen-Zensurstempeln gegenüber. Für das Verständnis der Zeitabläufe während des Aufstandes ist das sehr hilfreich.  Der Autor stellt fest, dass besonders die erste Aufstandsphase, die nur 6 Wochen dauerte, von Philatelisten und Interessierten völlig unterschätzt wird. Aus diesem Zeitraum des Aufstandes sind nur sehr wenige Bedarfsbelege mit einem lokalen polnischen Zensurstempel bekannt.

Der Autor hat sich die Mühe gemacht, die abgebildeten Bedarfsbelege mit lokaler polnischer Postzensur nach der Nord-, West- und Südfront einzuteilen. Auf diese Art hat bisher noch niemand die Zensurbelege präsentiert. Sehr interessant sind die Belege, die innerhalb und während des Aufstandes aufgegeben und ins Ausland durch die Frontlinien hindurch  befördert wurden. Besonders nennenswert ist der Einschreibebrief des damaligen polnischen Sejm Marschall W. Trąmpczyński (in etwa Bundestagpräsident),  der am 3. Februar 1919, am Tag der Ersteröffnung des Postamtes im polnischen Parlament, nach Witkowo im Aufstandsgebiet aufgegeben wurde. 

Der nachfolgende Teil beschäftigt sich mit der deutschen und polnischen Feldpost in diesem Gebiet. Gerade dieses Thema wurde bisher in der Literatur sehr wenig bearbeitet. Anhand der abgebildeten Belege kann man sehen, dass das Postsystem während dieser Zeit sehr zuverlässig für die zivile Bevölkerung tätig war. 

Das Buch von Prof. Julian Auleytner behandelt zwei bisher niemals  beschriebene Themen und zwar die  der  Post der polnischen und deutschen Kriegsgefangenen und Internierten - insbesondere die Post aus dem von allen Historikern komplett übersehenen Internierungslager in Szczypiorno (heute ein Stadtteil von Kalisz).

Ein weiteres bisher noch nicht beschriebenes Thema ist die Postdokumentation des deutschen meteorologischen Dienstes auf dem Gebiet von Großpolen. Es handelt sich um monatliche Wettermeldungen in Form von Drucksachen, die an das Meteorologische Institut in Berlin verschickt wurden. Prof. Dr. Mirosław Miętys aus Gdynia  hat dem Autor, die durch ihn in deutschen Archiven entdeckten Drucksachen-Wettermeldungen zur Verfügung gestellt,  die während des Aufstandes und noch lange danach nach Berlin verschickt wurden. Diese deutschen Wettermeldung-Drucksachen haben teilweise lokale polnische Zensurstempel und in einigen Fällen sogar deutsche. Diese Drucksachen wurden noch niemals gezeigt und stellen ein Rätsel in den damaligen polnisch-deutschen Beziehungen dar.  Insbesondere die Weiterverwendung von deutschen Dienstmarken nach dem 14.April 1920, als in diesem Gebiet für Drucksachen nicht mehr das deutsche Inlandporto sondern nur das polnische Auslandporto gültig war, werfen große Fragen auf.   Die Belege stellen eine kleine, wenn auch noch in vielen Punkten ungelöste Sensation der deutsch-polnischen Philatelie dar.

Die Zeit zwischen dem Waffenstillstandsabkommen von Trier und dem Versailler Vertrag (17. Februar bis 28. Juni 1919) wird an Hand von ungewöhnlichen und teilweise einmaligen Bedarfsbelegen illustriert: abgebildet sind seltene Zensurverschlusszettel, handschriftliche Zensurvermerke sowie zivile und militärische Zensurstempel. Eine Besonderheit dieser Zeit ist, dass gleichzeitig und nebeneinander deutsche  Postwertzeichen,  Tages- und Nebenstempel sowie polnische Postwertzeichen und Postzensurzeichen auf einem und demselben Beleg verwendet wurden.

Die dritte Phase der Postentwicklung in Großpolen liegt in der Zeit nach dem Versailler Vertrag (am 28. Juni 1919) und der Ratifizierung des Vertrages durch Deutschland am 10. Januar 1920. In dieser Zeit wurde über die Art der Übergabe von Großpolen an Polen verhandelt. Diese Zeit charakterisiert sich durch die allmähliche Polonisierung des  Postwesens; es erschienen Germania-Marken mit einem polnischen Aufdruck (u.a. Poczta Polska); die allmähliche Einführung von polnischen Tagesstempeln und polnischen Postkarten. Mit fortschreitender Zeit verschwand auch nach und nach die polnische Postzensur. Das alles ist ebenfalls in Form von Bedarfsbelegen dargestellt.

Der vierte Teil ist der Zeit nach der Ratifizierung des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 gewidmet. Der Autor erinnert daran, dass im Westen zusätzlich Gebiete hinzugekommen sind, wodurch 50 neue Postämter aus den Kreisen Meseritz (Międzychód), Lissa (Leszno), Rawitsch (Rawicz) und Kempen (Kępno) zu Großpolen und somit zu Polen kamen. Auch das ist durch seltene Belege, darunter sogar Wertbriefe, dokumentiert. In einem abgebildeten Amtsblatt (Tygodnik Urzędowy), welches in Deutsch und Polnisch in Bromberg (Bydgoszcz) erschienen ist, wird offiziell die Regulierung der Zensur sämtlicher Korrespondenz  beschrieben. Dadurch wird dem Leser Vieles verständlicher gemacht.

 Im Buch geht der Autor auf die sehr spärlich vorhandenen Bahnpostbelege in Großpolen ein.

Erwähnenswert ist, dass das Buch durch den in Polen sehr bekannten Historiker des 20. Jh., Herrn Prof. Dr. Bogusław Polak, rezensiert wurde.

Die deutsche Übersetzung hat der bekannte Polenspezialist und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Polen Stefan Petriuk durchgeführt, der bereits die deutsche Übersetzung für das Buch „Anfänge der Polnischen Post in Westpreußen 1920“ gemacht hat.

Das Buch „Die Post in Großpolen 1919 – 1920“, von Prof. Dr. Julian Auleytner, Warschau 2016, hat eine Auflage von 270 Exemplaren, Hartcoverumschlag, Kreidepapier, 324 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen; das Buch ist deutsch und polnisch geschrieben, mit englischer Zusammenfassung.

Preis 20 € plus 5 Porto (zusammen 25 €) zu beziehen: Bundesarbeitsgemeinschaft Polen e.V., Konto: IBAN: DE38 4401 0046 0093 3464 68, BIC: PBNKDEFF  bei Otto Geisselbrecht, Leostrasse 5, 44579 Castrop-Rauxel, Email: geisselbrecht@unitybox.de, Tel. 02305 79669.

Buchbesprechung von Stefan Petriuk (Verbandsprüfer für Polen des PZF)